Von wegen tot

Stirbt Holz, wird es zur Basis neuen Lebens. Unzählige Organismen beteiligen sich am steten Ab- und Wiederaufbau. Eine Menge Lebewesen brauchen totes Holz als Lebensraum und Nahrung. Alle haben dabei ihre besonderen Vorlieben. Deshalb ist es so wichtig, dass Holz in jeder Form und Lage im Wald und Garten bleibt: absterbende Bäume in aufrechter Position ebenso wie liegende Stämme und Holzprügel.

Stürme, Brände, Lawinen, Blitzschläge, Borkenkäfer und Alterung lassen Totholz anfallen – in Deutschland jährlich mehr als 200 Mio. m³. Wissen-schaftler empfehlen: Statt in den Wäldern aufzuräumen, sollte man marode Bäume stehen lassen. Viele Pflanzen, Tiere und Pilze kommen nur an solchen Orten vor. Sie sorgen für Artenvielfalt – und komplettes Recycling.

In den Fichtenwäldern Bayerns kommt es durch Borkenkäferfraß immer wieder zu verheerenden Schäden. Verursacher ist v.a. der Buchdrucker. Die Bayerische Forstverwaltung informiert im Zuge des Waldschutzes über die Biologie, Vorbeugung und Bekämpfung des Borkenkäfers und steht Wald-besitzern mit Rat und Tat zur Seite (stmelf.bayern.de 26.10.22).

Lebensraum Totholz: In Höhlen toter Bäume finden Brutvögel (bspw. Spechte LWF „Waldvögel und Totholz“ 26.2.08 und Eulen Fotoserie) Nistgelegenheiten.

Der Schwarzspecht zählt, wie bohrende Insekten zu den „holzaufschließenden“ Tierarten und verschafft damit auch Bakterien und Pilzen Zugang zum ursprünglich harten Material.

Raufußkauz Aegolius funereus und Sperlingskauz Glaucidium passerinum: beide Eulenarten sind auf Totholz angewiesen – sie wären sonst wohnungslos. Mit Vorliebe werden sie daher Nachmieter in Nisthöhlen von Spechten. Auch Stein-kauz Athene noctua und Waldkauz Strix aluco nehmen Höhlen in Totholz als Nistquartier.

Auch Amphibien und Reptilien (z.B. Erdkröte Bufo bufo, Feuersalamander Salamandra salamandra, Blindschleiche Anguis fragilis und Waldeidechse) und Säugetiere (wie Baummarder Martes martes, Siebenschläfer Glis glis, Waldspitz- maus Sorex araneus – im Foto Gartenspitzmaus Crocidura suaveolens – und Waschbär Procyon lotor) nutzen das Gehölz als Heimat. Ein winzig kleiner Pilz aus Asien Batrachochytrium salamandrivorans Bsal breitet sich in Europa aus. Er zerstört die Haut der Feuersalamander und tötet sie. Die Bestände sind dadurch stark bedroht. (3Sat 21.10.19; „Salamanderpest“ siehe LNV-Info 4/2022).

Der Siebenschläfer verbringt sieben Monate im Winterschlaf, daher seine Namensgebung.

In feuchten Mulden entwickeln sich Insektenlarven (wie die Raupen des Weidenbohrers Cossus cossus, Lindenschwärmers Mimas tiliae und Buchen-Streckfuß Calliteara pudibunda); Hummeln (F: Erd- Bombus terrestrisGewusst? Siehst du im Frühling eine Hummel herumfliegen, kannst du dir ziemlich sicher sein, dass gerade eine Majestät an dir vorbeisurrt; denn im Frühling fliegen nur die Hummel-Königinnen aus, um Futter zu sammeln), Wildbienen (F: Riesen-Holzwespe Urocerus gigas) und Hornissen Vespa crabro bauen ihre Nester in aufrecht stehenden Stümpfen bzw. liegenden Stämmen.

Hirschkäfer Lucanus cervus – er gehört zu den größten und auffälligsten Käfern in Europa. Seinen Namen erhielt der Hirschkäfer aufgrund der bei den ♂♂ geweihartig vergrößerten Mandibeln. Seine Larven gedeihen an den morschen Wurzeln alter Obstbäume, Eichen und Ulmen. Auf Laubbäumen haben sich auch der Balkenschröter Dorcus parallelipipedus und der Schwarzfleckige Zangenbock Rhagium mordax spezialisiert. Ihr Kot lockt Besiedler an.

Vögel wie die Blaumeise Sitta europaea zu den Kleinhöhlenbrütern im toten Holz – wie auch Mittelspecht Leiopicus medius, Star Sturnus vulgaris, Kleiber Sitta europaea, Haubenmeise Lophophanes cristatus © Sonja Felgner und Kohlmeise Parus major.

Von den Nährstoffen im Holz ernähren sich Rindenpilze (wie Bunte Tramete Trametes versicolor, Buchen-/Beringter Schleimrübling Mucidula mucida) und Pflanzen. Pilze bauen u.a. die Zellulose ab. Pilzfäden Myzelien durchwuchern den Stamm – er wird morsch. Zunderschwämme Formes formentarius zersetzen Buchen innerhalb weniger Jahre. Gehast (weil er auch lebendes Holz befällt) und als Speisepilz beliebt: der Hallimasch.

Flechten (F: Usneaceae spp. als Anzeiger der Luftqualität), Farne, Moose (F: Etagen-/Stockwerkmoos Hylocomium splendens – besiedelt auch Moore und Heiden – + Apfel-/-Blattflechte Peltigera aphthosa – wächst in der Tundra auf Moosen, Rohhumus oder feuchtem humosem Boden), Echte Lungenflechten Lobaria pulmonaria, Gemeinschaft aus Algen und Pilzen, besiedeln gern alte Buchen und Ahorn (F: Berg- Acer pseudoplatanus). Genauso wie der Gewöhn-liche Tüpfelfarn Polypodium vulgare liebt auch das Grüne Koboldmoos die Feuchte von totem Holz.

Fallen Samen auf liegendes Holz, kommt es zur „Kadaververjüngung“. Die Baumkeimlinge nutzen das nährstoffreiche Substrat und bilden Wurzeln um den alten Stamm herum. Ist das Totholz vermauert bleibt Stelzen übrig.

Liegt der Stamm auf feuchtem Untergrund, schreitet seine Zersetzung noch schneller voran. Typische Organismen der Bodenfauna (wie Tausendfüßer oder -füßler Myriapoda, Schnecken -F: Rote Wegschnecke Arion Rufus-, Schwarzer Moderkäfer Ocypus olens und Asseln) steigen in Moderholz hoch. Aber auch Fadenwürmer, Springschwänze oder Milben. Pilze und Bakterien schließen die Zersetzung ab. Die Nähstoffe aus dem Holz können nun gut von Pflanzen aufgenommen werden. Der entstandene Humus (Foto) ist der ideale Nährboden für junge Bäume.

Ersatzhabitate: Wer bedrohten Arten Lebensraum zur Verfügung stellen will, sollte im eigenen Garten nicht gründlich aufräumen. Den Baumschnitt ruhig einfach auf einen Haufen liegen lassen oder daraus eine Totholzhecke flechten. Da freuen sich nicht nur Kleinsäuger wie der Igel, sondern auch Heckenbrüter wie die Amseln, Eidechsen, Frösche und Insekten.

Waldböden: Viel mehr als Matsch und Dreck: Im Wald geht der Blick meist hoch zu den Baumkronen. Im aktuellen Newsletter rückt der Boden unter unseren Füßen in den Fokus. Jüngst ist der Waldboden zum Boden des Jahres 2024 in Deutschland gekürt worden. An den forstlichen Forschungs- einrichtungen im Land sowie in Österreich und der Schweiz wird der Wald-boden in vielfältiger Hinsicht erforscht. Wir haben Ihnen eine Auswahl interessanter Beiträge zum Thema zusammengestellt. (Redaktion Waldwissen).

Auf der Suche nach verborgenen Helden: Ohne sie würden unsere Wälder ganz anders aussehen. Sie sorgen für fruchtbare Böden und Nahrung für andere Tiere. Weil sie unter unseren Füßen verborgen leben, denken wir aber nur selten an sie: Regenwürmer. Die FVA untersucht die Verbreitung von Boden-tieren im Wald mit dem Ziel, ein dauerhaftes landesweites Monitoring aufzubauen.

Um die vielfältigen Aufgaben und Ziele umzusetzen, sind UNESCO-Biosphären- reservate nach den internationalen Leitlinien räumlich in drei Zonen unterteilt. Abgestuft nach den menschlichen Einflüssen werden die Gebiete in eine Kern-, Pflege- und Entwicklungszone gegliedert.

In einem Biosphärenreservat gehören zur Kernzone natürliche und naturnahe Ökosysteme. Sie stehen repräsentativ für den zu schützenden Naturraum oder für Bereiche, die sich durch Prozessschutz zu natürlichen oder naturnahen Ökosystemen entwickeln können.

Quellen: Urs Willmann „Von wegen tot“ DIE ZEIT N° 48/WISSEN N° 595 Ökologie 19.11.20; „Lebensraum Totholz. So recycelt die Natur“ Dossier der Deutschen Wildtierstiftung; umfangreicher informiert die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL); Universität Würzburg und WSL publizieren in „Nature“ über „Aufräumen in Wäldern“; die Totholzmengen ermittelt die Bundeswaldinventur (zZ. findet die 4. Wald-inventur in Deutschland statt. Sie wurde bisher dreimal durchgeführt: 1987, 2002 und 2012. Seit 2010 ist eine Wiederholung alle 10 Jahre gesetzlich festgelegt); Links zu weiteren Quellen; Waldwissen.net; Nationale Natur-landschaften, „Frühlingsgefühle“ SÜDWEST-PRESSE/KRUSCHEL 18.4.23; Wikipedia. Siehe auch Julia Bernigau „Viele kleine Waldarbeiter“ SÜDWEST PRESSE/KRUSCHEL 28.10.20!