Wandel im deutschen Wald

Der Mensch hat den hiesigen Baumbestand im Laufe mehrerer Jahrtausende stark beeinflusst. 1/3 Deutschlands ist mit Bäumen bewachsen – wild wuchern dürfen sie aber nur in Nationalparks und einigen Gebieten in Ostdeutschland.  Ziel: 5 % Wälder der Natur zu überlassen. Echte Urwälder, die von Anfang an vom Menschen unbeeinflusst wachsen konnten, gibt es nur noch sehr wenige – in EU z.B. der polnische Białowieża-Urwald (HF „Gondelfahrt Narew & Biebrza – Studienexkursion des LNV BW“ [bitte pdf anfordern] + F-Serie; siehe auch Blog „Von wegen tot“!

Zum Foto: IUCN-II (105 km² – UNESCO; durch den besonderen Schutz des Wal-des während der vergangenen Jahrzehnte ist der Urwald zum Inbegriff von Biodiversität geworden. 20.000 Pflanzen- und Tierarten leben in dem 150.000 ha großen Wald. Darunter auch 900 wilde Wisente, eine Besonderheit in Euro-pa (dw.com). Wildnis braucht den Menschen nicht, aber der Mensch braucht Wildnis. Er braucht sie als Maß wie als Inspiration… ZEITREISEN 21.2.21.

Andererseits ist die Sehnsucht nach Wildnis mit einzukalkulieren: Etwa 2⁄3 der Deutschen gefällt Natur umso besser, je wilder sie ist; dies gilt besonders für Wälder. Es besteht ein ausgeprägter Wunsch, mit ihr in Kontakt zu kommen. Wir brauchen sie, nicht nur um der Natur, sondern um unserer selbst willen“… so die frühere Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Professorin Beate Jessel! Aber Achtung: Das Label „Wildes Deutschland“ führt in die Irre! „Wildnis“ nach naturwissenschaftlichen Maßstäben gibt es in unserem hoch entwickelten Industriestaat nicht. „Wildnis“ ist da, wo der Mensch die Landschaft nicht gestaltet – ungezähmte Natur ist aber Illusion. Selbst in Teilen der Nationalparks werden Bäume gefällt, Totholz entfernt, Wege gesichert, Rehe geschossen. Eine Landschaft aber, in der die Natur walten darf, wie sie will, und auch der Mensch ein Teil ist, den keine „Betreten verboten“-Schilder aussperren, wäre Wildnis. Ökologen diskutieren vermehrt über solche Freiräume. „Der Wunsch nach Wildnis ist eher der nach einer „Guckloch“-Wildnis. Man schaut sich das ein Wochenende lang an, mit der Sicherheit zurückzukommen“, Dipl.-Psychologin Kerstin Ensinger, Leiterin des sozialwissenschaftlichen Forschungsbereichs des N.P. Schwarzwald.

„Der moderne Mensch ist gut darin, die Natur quasi abzuspalten. Hier sein Leben, seine Stadt und Arbeitswelt, dort die wochenendliche Natur, die er nur noch zur Freizeit nutzt“ Nicola Förg „Wütende Wölfe“. Laut Forstminister Peter Hauk (BW) anlässlich „Internationaler Tag des Waldes“ nutzen täglich 2 Mio. Bürger den Wald für Freizeit und Sport Südwest-Presse 21.3.18. Lt. Statistischem Landesamt sind 37,8 % der Landesflächen BW’s Waldflächen, insges. 1,4 Mio. ha (SWP 15.3.24).

32 % der deutschen Landesfläche sind von Wald bedeckt, allerdings sah er nicht immer so aus, wie wir ihn heute kennen: Nach der letzten Eiszeit: Deutschland ist zu etwa 90 % von dichtem Mischwald bedeckt, meist bestehend aus Eichen und Ulmen. Ab etwa 4000 Jahre v. Chr.: Die Buche dringt über die Alpen nah Norden vor und wird im Laufe der Zeit zur vorherrschenden Baumart. Der Mensch beginnt Wälder zu roden, um Felder anzulegen. Das römische Germanien: Das römische Reich forciert durch den enormen Bedarf an Holz und Ackerfläche die Abholzung bestehender Buchenwälder. Die Fichte breitet sich aus höheren Lagen kommend auch in flacheren Regionen aus. Mittelalter und frühe Neuzeit: Mehrere große Abholzungsperioden dezimieren den Wald-bestand weiter auf etwa 30 % der Landfläche. Holzmangel führt zu ersten Regeln der Waldnutzung. So soll weiterer Raubbau eingedämmt werden. Neuzeit: Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Waldbestand so weit verkleinert, dass ganze Landstriche veröden. Industrialisierung: Ab Mitte des 19. Jh. verdrängt die Kohle das Holz als Hauptenergielieferant, was eine Entlastung der Wälder zur Folge hat. Es erfolgen Wiederaufforstungsmaß-nahmen – vorwiegen mit schnellwachsenen Fichten und Kiefern. Nach dem Zweiten Weltkrieg: Große Teile des Waldes in Deutschland sind durch den Zweiten Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen worden. Um den großen Bedarf an Holz zu decken, wird wieder auf die Fichte zurückgegriffen. In den 1980er Jahren verursacht der „saure Regen“ ein weitreichendes Waldsterben, von dem die Fichte besonders stark betroffen ist. Dürre und der Befall durch Borken-käfer dezimieren in den vergangenen Sommern erneut den Fichtenbestand.

11,4 Mio. Hektar (114.000 km²) ist der deutsche Wald groß. Statistisch gesehen entfällt auf jeden Einwohner eine Fläche von 39 x 39 m. Anteile der häufigsten Bäume an der Gesamtwaldfläche in Deutschland: Nadelbäume 55 %, davon Fichte 25 %, Kiefer 23 %, andere 7 %; Laubbäume: 45 %, davon Buche 15 %, Eiche 10 %, andere 20 %.

Botanisch gesehen ist ein Wald eine dauerhaft mit Bäumen bewachsene Fläche in der sich ein typisches feuchtkühles Innenklima bildet. Oft gibt es in heutigen Wäldern eine vorherrschende Baumart, etwa Fichten oder Buchen .

Sind Bäume einer oder mehrerer Gattungen in relevanter Zahl vorhanden, spricht man von einem Mischwald (Laubmischwald, z.B. Eiche und Buche; Nadelmischwald wie Fichte und Kiefer). Umgangssprachlich ist damit meist das gemeinsame Vorkommen von Laub– und Nadelbäumen gemeint (Foto ff.).

i Schon gewusst? Tatsächlich nimmt eine 100-jährige Fichte im Laufe ihres Lebens ≈ 2,6 t CO auf. Eine durchschnittliche Buche verarbeitet im Vergleich dazu 3,5 t CO NABU Blogs/Thünen-Institut 9.6.21. 1 ha Wald speichert pro Jahr über alle Altersklassen hinweg rund 13 t CO2 Wald.de; der Wald entlastet jähr-lich die Atmosphäre in Deutschland um 58 Mio. t CO2 (= 6 % der Gesamtemis-sionen) Tagesschau 1.8.19. Landesnaturschutzverband und die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt BW hatten gemeinsam zur Tagung „Kohlen-stoffspeicher Wald – Optionen, Instrumente, Grenzen. BW’s Wälder zw. Klima-politik und Biodiversität“ eingeladen.  Sie brachte nicht nur Expert*innen verschiedener Disziplinen zusammen, sondern bot Engagierten verschiedener Bereiche einen Einblick in die von vielen Missverständnissen und Zielkonflikten geprägte Debatte über den Kohlenstoffspeicher Wald. Präsentationen zu einigen Vorträgen in Kürze auf der LNV-Website. PM 23.2.24.

Lt. Uni Würzburg ist beim Einschlag in Schutzgebieten Geldeinnahmen das Hauptmotiv – Schädlingskontrolle Platz 2 SWP 28.3.18. 

Ein Forst dient auch der wirtschaftlichen Nutzung. Die Bäume werden häufig ab einer bestimmten Stammdichte gefällt, um zu Holz verarbeitet zu werden. Danach werden wieder neue Bäume gepflanzt, der Wald wird wieder aufge-forstet. Der größte Teil des deutschen Waldes wird auf diese Weise forstwirt-schaftlich genutzt.

Plantagen nennt man große Flächen, auf denen eine bestimmte Baumart eigens dafür angepflanzt ist, um deren Früchte oder die Bäume selbst zu ernten (Fotos Finnland).

Im Laufe der Vergangenheit entwickelte sich der Baumbestand immer weiter weg von den Mischwäldern mit hohem Laubbaumanteil hin zu großräumig angelegten Monokulturen dominiert von Nadelbäumen. Die Fichte bildet zusammen mit der Kiefer heute fast die Hälfte des Baumbestandes. Wie die Vergangenheit zeigt, ist sie, angepflanzt als Monokultur, aber sehr anfällig gegenüber Umwelteinflüssen, Schädlingsbefall und Wasserknappheit (138.000 ha wurden ’20 zerstört und fast 80 % der Bäume sind geschädigt ZDF heute 5.8.21; NABU 22.2.22).

Waldexperten sind sich darüber einig, dass Monokulturen in Zukunft vermie-den werden sollten. Angestrebt wird ein nachhaltiger Mischwald aus Baum-arten, die dem Klimawandel gewachsen sind und eine Artenvielfalt der Tierwelt ermöglichen. Die Fichte soll dabei nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Etwa 35 Baumarten werden in Betracht gezogen um die Fichte in Teilen zu ersetzen. Dazu gehören die Nordmannstanne, die Roteiche und die aus Nord-amerika stammende Douglasie, die sommerliche Trockenperioden gut verkraften soll. Forstleute müssen heute entscheiden, wie der Wald von morgen aussehen soll.

Kein Anspruch auf Schadenersatz bei waldtypischen Gefahren: Einem Mann, der bei einer Wanderung von einem umstürzenden Baum auf einem kommunalen Waldgrundstück erfasst und dabei schwer verletzt wurde, steht kein Schadensersatz zu. Das LG Magdeburg hatte die Klage aufgrund der geltenden Gesetzeslage (§§ 4 + 22 Landeswaldgesetz Sachsen-Anhalt) und der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (Urteil vom 2.10.12 – VI ZR 311/11) abgewiesen. Das OLG Naumburg hat diese Auffassung Mitte Dezember 2020 bestätigt: Dem Kläger stehe kein Schadensersatz zu, weil sich mit dem Umsturz des Baumes eine „waldtypische“ Gefahr verwirklicht habe, für die die beklagte Stadt auch auf Wanderwegen nicht hafte. Ein Waldbesucher sei primär selbst für seine Sicherheit verantwortlich. (LNV-Infobrief 2/2021).

Waldböden: Viel mehr als Matsch und Dreck: Im Wald geht der Blick meist hoch zu den Baumkronen. Im aktuellen Newsletter rückt der Boden unter unseren Füßen in den Fokus. Jüngst ist der Waldboden zum Boden des Jahres 2024 in Deutschland gekürt worden. An den forstlichen Forschungs- einrichtungen im Land sowie in Österreich und der Schweiz wird der Wald-boden in vielfältiger Hinsicht erforscht. Wir haben Ihnen eine Auswahl interessanter Beiträge zum Thema zusammengestellt. (Redaktion Waldwissen).

Quellen: „Wandel im deutschen Wald“ SÜDWEST-PRESSE/WISSEN 31.12.22 / BMEL, Deutsche Wildtierstiftung, Waldwissen.net, Bundesamt für Naturschutz, Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft; NABU; Waldwissen.net; LNV BW. Siehe auch Julia Bernigau „Viele kleine Waldarbeiter“ SÜDWEST PRESSE / KRUSCHEL 28.10.20

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