Was kann man erwarten von einem Weg, der den Urwald im Namen trägt? Autorin Deike Uhtenwoldt ist ihn gewandert – und dabei nicht nur Wunder-werken der Natur begegnet.


Sicher bin ich mir nicht. Dafür war das Tier zu schnell wieder verschwunden. Könnte es tatsächlich ein Luchs gewesen sein, der da den Weg gequert hat? „Unwahrscheinlich“. sagt Sven Bökenschmidt, auch wenn der Gästemanager die Frage durchaus ernst nimmt. Er fragt, ob das Tier einen kurzen Schwanz hatte oder Pinselohren – typische Luchsmerkmale. Doch genau das war auf die Schnelle eben nicht zu erkennen zwischen umgestürzten Bäumen und dem Dickicht der Astgabeln.

Der Urwaldsteig macht seinem Namen hier alle Ehre. Der Weg führt in Nord-hessen nahe Kassel auf knapp 70 km Länge einmal um den Edersee. Alte Buchen und Eichen wachsen hier an felsigen Steilhängen im N.P. Kellerwald-Edersee. Ein Höhenweg, der das Wald-Wildnis-Erlebnis mit schönen Aussichten auf den See verbindet.

Wer den ganzen Urwaldsteig gemütlich wandern will, sollte vier Etappen einplanen (Tagestouren zwischen 15 – 18 km): Los geht es entlang des Nordufers auf 17 km von Asel nach Nieder-Werbe. Der Weg gewinnt schnell an Höhe, wird schmaler und steiniger.


„Das sind Blockschutthalden, bis zu 40 Meter mächtig und auf natürlichem Weg durch Frostsprengungen entstanden“ erklärt Bökenschmidt, der auch in Geologie promoviert hat…
Bäume, Biker, Bäche und Beile: Urwald-Erlebnis und Kulturlandschaft gehen an dem See, der sich wie eine Schlange durch die Landschaft zu winden scheint, Hand in Hand. Das wird am zweiten Tag deutlich, 15 km stehen an, es geht nach Hemfurth. Eben noch hörte man nur Bachrauschen und Vogelgezwitscher, da grollen vom Tal her Motorräder durch den Wald, Musik wummert. Die kurven-reiche Straße am Edersee zieht Biker an. Viele besuchen auch Schloss Waldeck samt Museum, das sich früheren Methoden des Strafvollzugs widmet, mit Richtschwert, Richtbeil und nachgebauten Zellen.

Nicht weit vom Schloss liegt die Edertalsperre. 400 m lang, zwischen 1908 und 1914 errichtet. 1943 von britischen Bomben zerstört und noch im selben Jahr durch Zwangsarbeiter wieder aufgebaut. Heute staut sie rd. 200 Mio. m³ Wasser an, damit könnte der See knapp ein Jahr lang den Trinkwasserverbrauch Berlins abdecken. Ein Hingucker ist die Talsperre v.a. im Dunklen – dann wird sie von farbigen LED-Scheinwerfern angestrahlt.


Abseits dieses Kolosses gibt es oft nichts als Wald und Wildnis, etwa unterhalb des Schlossberges auf einem neuen Zubringer zum Ziegenberg. „Schwieriger Steig“, mahnt ein Schild. Der Weg führt entlang von Wildblumen und Brennnesseln, es geht über Baumstümpfe und Wasserquellen, bis die üppige Vegetation knorrigen Buchen und kargen Sträuchern weicht.
Wunder der Technik und der Natur: Die Abwechslung macht den Reiz des Ur-waldsteigs aus – das wird auch am dritten Tag deutlich, an dem es nach Asel-Süd geht. Fast zurück zum Ausgangspunkt also, nur eben auf der anderen Seite des Sees, diesmal am Südufer. Wer die Etappe abkürzen will, nimmt die Stand-seilbahn vom Hemfurth zum Peterskopf hinauf – sie überwindet auf gut 900 m Strecke immerhin knapp 300 Höhenmeter. Unterwegs erklärt der Fahrzeug-führer Geschichte und Funktion der Pumpspeicherkraftwerke am Edersee, die eine wichtige Funktion bei der Sicherung des Stromnetzes haben.

Im krassen Gegensatz dazu stehen die Buchenwälder westlich der Kraftwerks-Hochspeicherbecken. „Hier wurde nie Holz geschlagen – die Voraussetzung, um Unesco-Welterbe zu werden“, sagt Jochen Augustin. Der Ferienhausanbieter bietet einen Hol-und Bringdienst an. Unterwegs im Elektroauto erzählt er den Gästen, warum ihn 350 Jahre alte Buchen so in den Bann schlagen. „Das sind echte Überlebenskünstler.“ Im N.P. stehen viele davon, seit 2011 wird er mit vier anderen deutschen Buchenwaldgebieten (siehe ff. Information) als Welt-naturerbe geführt.
i UNESCO-Welterbe: Am 16.11. 1972 wurde auf der 17. Generalkonferenz der UNESCO das „Übereinkommen zum Schutz des Kultur-und Naturerbes der Welt“ verabschiedet. Es trat 1975 in Kraft und mittlerweile haben 187 Staaten der Welt dieses Übereinkommen ratifiziert. Leitidee dieses Übereinkommens ist „die Erwägung, dass Teile des Kultur- oder Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung sind und daher als Bestandteil des Welterbes der ganzen Menschheit erhalten werden müssen“. Die Welterbestätten gehören somit nicht allein dem jeweiligen Staat, sondern sind ideeller Besitz der gesamten Menschheit. Welt-naturerbe sind einzigartige Naturphänomene, Weltkulturerbe einzigartige menschliche Kulturleistungen. – Die wertvollsten Relikte naturbelassener alter Buchenwälder in Deutschland bilden nun mit dem seit 2007 bestehenden UNESCO Weltnaturerbe „Buchenwälder der Karpaten“ in der Ukraine und der Slowakischen Republik eine gemeinsame Welterbestätte. Es handelt sich um ausgewählte Waldgebiete der Nationalparke Jasmund und Müritz in Mecklenburg-Vorpommern, Hainich in Thüringen, Kellerwald-Edersee in Hessen sowie des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin in Brandenburg. Diese deutschen Gebiete mit ihren Tiefland- und Mittelgebirgsbuchenwäldern vervollständigen in idealer Weise die in den Karpaten beheimateten Gebirgs-buchenwälder.




*) Die Welt der Kobolde und Gnome: An sonnigen, felsigen Hängen kämpft der Wald mit Trockenheit und Kargheit, Hitze und Kälte. Bäume wachsen dort sehr langsam. Knorrige Eichen und Buchen bilden skurrile Waldbilder und beflügeln die Phantasie. An mit Steinblöcken übersäten Hängen bereichern üppige Schlucht- und Blockwälder mit Esche, Ahorn und Ulme die Waldlandschaft des Nationalparks.
Im Buchenwald laufe ich wie durch eine grüne Halle mit silbrigen Säulen, dann durch Hohlwege zwischen jungen Buchen, die auf ihre Chance zum Wachsen warten. Ich treffe auf einen Salamander, der nach Feuchtigkeit durstet. Die Feuchtigkeit kommt dann im zweiten Teil dieser Tagesetappe, erst von oben mit Regen, dann von unten, als das Schuhwerk auf Matsch abrutscht und einige der rund 500 Quellen im N.P. umkurvt werden müssen. Da ist die Sitzbank an Bord der kleinen Asel-Fähre eine Erholung.

Atlantis im Edersee: Wenn der Wasserstand niedrig ist, kann man hier eine Brücke mit vier Bögen sehen. Die meiste Zeit des Jahres allerdings steht sie unter Wasser, so wie auch die anderen Überbleibsel der alten Dörfer, die hier einst für den Stausee aufgegeben wurden. Gedenktafeln rund um den See und eine moderne Animation im Besucherzentrum erinnern an ihr Schicksal. Die Bauwerke auf dem Seegrund vermarktet die Tourismusgesellschaft unter „Edersee-Atlantis“. Das letzte Teilstück am vierten Tag führt mich 18 km lang von Asel-Süd um die zwei letzten Seeschleifen nach Asel zurück, erst durch Wald, dann durch eine Kulturlandschaft. Es zieht sich ein wenig, der Rucksack scheint schwerer geworden zu sein, die Waldbilder gleichen sich und der Asphalt ermüdet.


Wer will, nimmt die Fähre von Otto Wilhelmini one-way – und spart sich auf der See-Umrundung damit diese Etappe. Andererseits führt der Weg aber am Nationalparkzentrum Kellerwald vorbei, am westlichsten Zipfel des Edersees. Hier gibt es Urwalderlebnisse durch Hightech, in einem 4-D-Sinneskino wird man gerüttelt, beduftet und benässt.


Im Film führt eine Wildkatze durch die Jahreszeiten. In einer Vitrine sehe ich eine andere Katzenart, die mir vom Start der Wanderung bekannt vorkommt: „Und es war doch der Luchs!“

i Der Waschbär am Edersee: Im Februar 1934 bietet der Pelztierzüchter Rolf Haag aus Ippinghausen dem Forstamt Vöhl zwei Waschbärpaare zum Aussetzen in den Wäldern am Edersee an. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise war die Pelztierzucht unrentabel geworden und man wollte mit den nicht mehr benötigten Gehegetieren nun „die Fauna bereichern“. Namhafte Wissenschaftler rieten damals davon ab, Waschbären in die heimische Wildbahn zu entlassen, doch die oberste Jagdbehörde in Berlin genehmigte das Aussetzen, das schließlich am 12.4.1934 in einem Alteichenbestand auf der Südseite des Eder-sees stattfand. Ursprünglich in Nordamerika beheimatet fand er hier ideale Lebensbedingungen mit Wasserflächen, Baumhöhlen u. einem reich gedeckten Tisch mit Wald- und Kulturfrüchten, Kleinsäugern und Vögeln. Heute leben nirgendwo in Deutschland so viele Waschbären wie in Nordhessen. Wie man ihn auch sehen mag, als ideal angepasstes Wildtier oder unerwünschten Neubürger, als putzigen Pelzträger oder Plagegeist. Er steht in besonderem Maß auch für die Vielfalt unserer Landschaft!
RINGELSBERG – ROUTE: Wer einen Eindruck vom Welterbe im N.P. Keller-wald-Edersee bekommen möchte, der muss die Ringelsberg-Route wandern. Das Weltnaturerbe ist hier in zahlreichen Facetten zu bewundern: hallenartige Buchenwälder mit mächtigen Stämmen auf der Hochfläche, bizarre Waldbilder an den felsigen Hängen oder in quelligen Schluchten zum Edersee, wo die Buche an ihre Grenze gelangt und von Eichen, Eschen und Linden bedrängt wird. Von den N.P.-Eingängen Asel-Süd oder Himmelsbreite aus folgen Sie dem Pilzsymbol.


Bald tauchen Sie ein in das Buchenmeer des Nationalparks. Ein Erlebnis ist der Abschnitt, der sich hangparallel in engen Schleifen um Bachschluchten windet, deren Quellgerinne den Pfad kreuzen und als Hundsbach vereint zum Edersee hinab brausen. Von Hang zu Hang durch die Hardt und die Hundsbachgründe bieten sich tiefe Einblicke in die einzigartige Waldwelt, durch die der Edersee schimmert.




Am Nordwesthang des Ringelsberges wachsen die urigsten Buchenwälder des Nationalparks. Ehrwürdige Baumveteranen haben ihre natürliche Altersgrenze erreicht. Am Steilhang zum Edersee mit anstehenden Felsrippen und auf der Blockhalde stehen uralte mehrstämmige Linden, Bergahorn und Bergulme. Hier ist schon lange Wildnis.

Auf dem Abschnitt am Hegeberg kommt eine leise Ahnung auf, wie sich die weiten, nun ungenutzten Wälder des Nationalparks großflächig entwickeln werden, wie auf Windwurflächen neue Wildnis entsteht. Eine großartige Aussicht auf das Waldmeer des N.P.’s mit eingebettetem Edersee offenbart die Schönheit des Weltnaturerbes,


*) Buchenschleimrübling – Symbol der Ringelsberg-Route und Symptom der Wildnis: Im Spätsommer sind die Buchenwälder vom aromatischen Duft tausender Pilze durchströmt. Wenn die Buche altert, büßt sie ihre Wider-standskraft ein. Pilze beginnen mit ihren Wurzeln Hyphen langsam das Holz zu durchdringen. Buchenschleimrübling und Zunderschwamm zählen zu den ersten Besiedlern.
HAGENSTEIN – ROUTE: Die Hagenstein-Route kann am N.P.- Zentrum (5,6 km Hauptroute) oder in Kirchlotheim (4,4 km Hauptroute) begonnen werden. PS: Der Weg vom N.P.-Eingang Himmelsbreite (Wanderparkplatz)bis zum Aussichtspunkt Hagenstein (mit barrierefreier Plattform) ist für Rollstuhl-fahrer geeignet. Gehbehinderte Personen können im N.P.-Zentrum Kellerwald kostenfrei einen Scooter ausleihen, mit dem die Hauptroute befahren werden kann. Folgen Sie dem Symbol des Großblütigen Fingerhuts *) entlang der Ederhänge an dem idyllischen Dorf Kirchlotheim vorbei.

Die Kirchturmspitze ist kaum aus dem Blick, da verschwindet der Pfad in die bizarre Welt der Bäume und windet sich um quellige Kerbtäler durch lichten Wald. Knorrige Eichen und Buchen kämpfen auf felsigem Grund mit Trockenheit und Kargheit, Hitze und Kälte. Graslilie, Felsenmispel und Schwalbenwurz vervollständigen das südlich anmurende Ensemble.

Der Hagenstein zählt zu den Schätzen des N.P.’s. Von seinem markanten Felsvorsprung aus genießen Sie einen atemberaubenden Blick in das Tal der oberen Eder.



Über die Wannewiese, Himmelsbreite und durch Wiesen und Felder führt der Weg zurück. Wer es aufregend ausklingen lassen möchte und festes Schuhwerk trägt, der nimmt von der Wannewiese aus den Brückengrundsteig quer durch das vom Sturm gefällte Nadelholz.



Im Reich der urigen Buchen: Majestätisch schreitet der Rothirsch durch die weiten alten Wälder des Nationalparks. Im Herbst schallt sein Röhren durch den goldenen Wald. Wespenbussard, Schwarz- und Rotmilan ziehen weite Kreise über den Baumkronen.




Der heimliche Schwarzstorch, der lautlose Uhu und die scheue Wildkatze sind in die ruhigen Wälder zurück gekehrt.


*) Großblütiger Fingerhut – Symbol der Hagenstein-Route: Während der Rote Fingerhut (F: rechts) auf frischen Windwurfflächen massenhaft wächst, ist der verwandte Großblütige Fingerhut (F: links) anspruchsvoller und seltener. Er mag es warm und bevorzugt daher die sonnigen Steinhalden am Hagenstein. Am einfachsten lassen sich die beiden Fingerhutarten während der Blüte anhand der Blütenfarbe unterscheiden. Beide Pflanzenarten enthalten wertvolle Arzneistoffe, sind allerdings auch sehr giftig!
WildtierPark Edersee – Tiere unserer Wildnis hautnah: Während im N.P. neue Wildnis entsteht, ermöglicht der WildtierPark die anschauliche Präsentation der wilden Tiere des Buchenwaldes. Denn der Weg zu einer Wildnis, in der viele der ursprünglichen Bewohner wieder einen Platz bekommen, ist lang.


In großen Gehegen leben Wolf, Luchs und Wildkatze, Wisent, Rothirsch und Wild-pferd. Dam- und Schwarzwildgehege sind sogar begehbar. Das Schaufüttern des geheimnisvollen Wolfsrudels, der schleichenden Luchse mit ihren Pinselohren, der wilden Katzendamen und der quirligen Familie Fischotter im kühlen Nass sollten auf keinen Fall verpasst werden. Unvergesslich wird die Greifvogel-Flugschau bleiben. Auch ein Streichelzoo bringt Kinderaugen zum Glänzen. www.wildtierpark-edersee.eu.

Quellen: SWP/REISEN/Deike Uthenwoldt/dpa 7.9.24, Broschüren „Faszination Wildnis im Reich der urigen Buchen“ 2. Auflage 2013, „Ringelsberg-Route – Welterbe entdecken“ 8. Aufl. – 12/20 + „Hagenstein-Route – auf Schatzsuche“ 10. Aufl. 12/20 N.P. Kellerwald; Wikipedia/KI; www.nationalpark-kellerwald-ederse.de/; www.naturpark-kellerwald-edersee.de/wandern/wanderwege/ urwaldsteig; www.weltnaturerbe-buchenwaelder.de.