Tierische Pendler – Grünbrücken verbinden Lebensräume von Wildtieren

Für Tiere, die bei uns in der freien Natur leben, stellen Autobahnen und andere, viel befahrende Straßen oft unüberwindbare Grenzen dar. Schon für den genetischen Austausch ist wichtig, dass die Tiere sich frei bewegen können, aber auch, um bspw. Nahrung oder Schlafplätze zu suchen. Dabei müssen sie oft lange Wanderungen auf sich nehmen. Besonders für Wildtierarten wie Elch (generell zählen Elche zu den standorttreuen Tieren; insbes. aus Regionen, in denen bereits viele Elche leben, wandern v.a. jüngere Tiere vermehrt ab, um

sich neuen Lebensraum zu erschließen – dann können die Langbeiner weite Strecken zurücklegen und dabei bis zu 80 km am Tag wandern), Rotwild (der Schnee zwingt die im Gebirge lebenden Hirsche zu saisonalen Wanderungen; sobald die Schneedecke 20 oder 30 cm beträgt, verschieben sich die Rudel in tiefer gelegene Wälder oder suchen sonnseitig gelegene Hänge auf – in einigen Regionen, wie z.B. im Engadin, wandern die Hirsche deswegen bis zu 40 km weit), Rentiere (Platz 1: Karibus -F: Waldren Rangifer tarandus caribou– in USA 1.350 km/Jahr, Platz 2: Rentiere -F: Rangifer tarandus– auf der russischen Taimyr-Halbinsel 1.200 km), Wolf -F: Eurasischer Wolf/Grauwolf Canis l. lupus– (Platz 3: Wölfe in Nordwest-CDN 1.016 km) oder Luchs -F: Eurasischer Luchs/ Nordluchs Lynx lynx– (Kuder „B600 Lias“ -als Jungtier bei Genf nachgewiesen KORA–  hat eine Mindeststrecke/Luftlinie von > 300 km zurückgelegt = Mittel-europäischer Rekord FVA BW 22.3./27.4.18) sind Reviergrößen von mehreren 100 km² ganz natürlich, und sie wandern viele Kilometer am Tag.

Mit Partnern aus Polen und Deutschland hatte die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg von 11/2011 – 12/2013 Bestandsdaten von 5 Tierarten, u.a. vom Wolf u. Fischotter erfasst, von Süd-Brandenburg bis ins „Lebuser Land“/Polen. Erkenntnisse des EU-Projekts Modellvorhaben „Ökologischer Korridor Süd-Brandenburg“ sind in der gemeinsamen Datenbank der Uniwersytet Zielono-górski in Zielona Góra/Polen hinterlegt Lausitzer Rundschau 31.1.14; GEOlino 2/2020; SWP/HEIMAT 7.1.23).

S.g. „Grünbrücken“ verbinden die Lebensräume der Tiere, die durch Verkehrs-wege zerschnitten sind. Es sind von Menschen gebaute, bewachsene Brücken. Damit sie von den Tieren auch genutzt werden, muss einiges beachtet werden:

Wildbrücken müssen mindestens 50 m breit sein, damit sie von größeren Tieren wie Hirschen angenommen werden. Um etwa das scheue Rotwild an Grünbrücken zu locken, müssen sie an Wildwechsel angeschlossen werden,

also an Routen, die von den Tieren bevorzugt genutzt werden. Denn Hirsche weichen ungern von ihren gewohnten Wegen ab. Der Zugang zu den Brücken muss rundum geschützt sein, also von Hecken und Bäumen bewachsen oder auch mit Zäunen versehen, damit die Tiere sich sicher fühlen und sich auch mal im Schatten der Pflanzen verstecken können (siehe ff. Foto: Damhirsch).

Wildtiere sind sehr scheu und trauen sich im Zweifel sonst gar nicht, auf die Brücke zu gehen. Für Wanderer sind sie in der Regel gesperrt denn allein der Geruch von Menschen, die womöglich noch mit einem Hund unterwegs sind, schreckt viele Tiere ab.

Derzeit gibt es bei uns in Deutschland rund 100 Grünbrücken über Autobahnen (um die 13.000 km sind eine latente Gefahr, die schon manchen Artgenossen zur Strecke gebracht hat) oder Bundesstraßen. Generell ist Deutschland ein heißes Pflaster für Wildtiere mit weltweit den meisten Straßen in ihrem Lebensraum: Verkehrsunfälle mit Wildtieren (besonders Oktober bis Dezember und April/Mai!) Jagdjahr 2021/22 rd. 240.300 Stück Schalenwild DJV + ADAC 23.4.20) – Deutschlandweit > Tendenz. Deshalb bieten bestehende Grünbrücken den Tieren Schutz bei der Überquerung der Autobahnen und Bundesstraßen, sind aber zugleich auch ein Schutz für die Autofahrer. Denn wenn Tiere Straßen überqueren, kann das für alle gefährlich werden. Nach Angaben des DJV kommen jedes Jahr mehr als 1 Mio. Wildtiere bei Unfällen ums Leben ADAC 7.10.19 + „Vermehrt Wildunfälle durch Brautschau“ LJV 21.7.23!  Es gibt jedoch nicht nur Sachschäden durch Wildunfälle zu beklagen. Allein letztes Jahr wurden nach den Daten des Statistischen Bundesamtes bei 2.268 Kfz-Unfällen mit Wildtieren 2.608 Personen verletzt und 7 Menschen getötet.

Zum Foto zuvor: Unfälle Jagdjahr ’16/’17 in BW: 25.770; davon 2.870 mit Wild-schweinen (Foto links: Wildschwein – Wildpark Daun/Eifel; rechts: Spitzmaul-nashorn – Amakhala Game Reserve/ZA © Sonja Felgner).

PS: 4-Zentner-Hirsch bei einem 100-km/h-Crash = Aufprallgewicht einer Afrik. Elefantenkuh von 5 t („Wildsau von rechts…“ SR/SWR 30.1.15).

Grünbrücken sind meist mit Wildkamera ausgestattet, deren Daten regelmäßig ausgewertet werden. So lässt sich genau verfolgen, von welchen Tierarten sie benutzt werden. Gesichtet wurden neben Rot- und Damwild auch schon Wild-schweine, Hasen, Dachse, Wildkatzen und in Brandenburg sogar schon ein Wolf! Siehe „Rechtliche Regeln für den Einsatz“ Wildkamera.netWolf Hockenjos „Der überwachte Wald“ ÖKOJAGD Nov. ’20.

Aber nicht nur Straßen zerschneiden den Lebensraum von Wildtieren, auch Grenzzäune machen Probleme. Der Anstieg der Grenzsicherheitszäune und Schutzzäune gegen die Afrikanische Schweinepest erzwingt eine Überprüfung der Artenschutzstrategien in Eurasien (siehe Ausführungen der Biol.*innen um John D. C. Linnell vom Norwegian Institute for Nature Research in Trondheim + „Bären und Wölfe leiden unter Grenzschließung in Europa“ Berlin Journal 27.6.16; WWF Blog 25.6.21; „Abriegeln zerstört Öko-Paradies“ taz 10.2.22).

Quellen: Nicole Hauger „Tierische Pendler“ SÜDWEST-PRESSE/KRUSCHEL 9.4.22; Hartmut Felgner „Die Rückkehr der Großraubtiere“ pdf und F-Serie; Wikipedia, vorherige Links. Siehe auch Assata Frauhammer „Borstige Allesfresser“ SÜDWEST PRESSE / KRUSCHEL 14.12.20!