Wechselhafte Heimat – Strand und Sand

Der ideale Strand besteht für uns Menschen eindeutig aus Sand. Tiere und Pflanzen sehen das anders. Den extremen Lebensraum können nur wenige Arten besiedeln.

Strand & Sand

N.P. Kurische Nehrung / Национа́льный парк Ку́ршская коса́ (UNESCO) – der grasähnliche Bewuchs ist Gewöhnlicher Strandhafer. Das Besondere am Strandhafer Ammophila arenaria ist seine immense Bedeutung als natürlicher Küstenschutz. Mit seinem weitverzweigten, bis zu 5 m tiefen Wurzelwerk und seiner einzigartigen Fähigkeit, mit dem Wind zu wachsen, befestigt er den Sand und baut die schützenden Dünen auf. Strandhafer ist auf die regelmäßige Zufuhr von frischem Sand angewiesen. Wird er vom Wind teilweise verschüttet, wächst er einfach weiter in die Höhe und bildet neue Wurzeln und Triebe. So formt er über die Jahre mächtige Dünen. Um an extrem trockenen und sonnigen Standorten zu überleben, rollt die Pflanze ihre Blätter bei Trockenheit zu kleinen Röhrchen zusammen. Dadurch schützt sie sich effektiv vor dem Austrocknen. –  Der Strandhafer – das wohl wichtigste Gras der Küste – Schutzstation Wattenmeer.
Wanderdünen Ostsee Балтийское море (F: N.P. Kurische Nehrung / District Kaliningrad/RUS)
„…die Wüste lebt“ (Bald Head Hills / Spruce Wood Provincial Park/CDN): Winter-Schachtelhalm / horsetail / Equisetum; Blauflügelige Sandschrecke / Blue-winged Grasshopper / Sphinonotus caerulans.

Zu den Fotos – Weitere sandspezifische Insekten: „Löwengrube“ – Fangtrichter: Am Grund lauert der Ameisenlöwe Myrmeleontidae (F: Western Australia); lks.: ♥ Dünen-Sandlaufkäfer Cicindela hybrida (F: Biebrzański Park Narodowy/PL) © Piotr Malczewski; re.: Blauflügelige Ödlandschrecke Oedipoda caerulescens (F: N.P. Kurische Nehrung / Oblast Kaliningrad/RUS).

Extreme Hitze von 40° C und mehr im Sommer. Im Winter eisige Kälte mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Auch im Laufe eines einzigen Tages können die Temperaturen stark schwanken. Ein Untergrund, der kaum Halt bietet. Mal ist er nass, dann kann er plötzlich trocken sein. Und wenn Wasser, dann auf jeden Fall salzig, allerdings in schwankender Konzentration. Aus Tier- und Pflanzensicht ist ein Sandstrand ein sehr viel weniger attraktiver Ort als aus der Perspektive der meisten Menschen.

Marschland Westerheversand… entstanden durch allmähliche Verlandung der Salzwiesen durch Ansiedlung an Pionierpflanzen.

Im Gegensatz etwa zu felsigen Küsten, wo sich sehr viele verschiedene Tiere und Pflanzenarten wohl fühlen, ist ein Sandstrand im Grunde nichts anderes als eine Wüste zu Wasser. Noch dazu eine, die sich durch die Wellen des Meeres ständig verändert.

Zu den Fotos lks.: Ausdauernde Melde Atriplex portulacoides, auch Strand-Salzmelde genannt, ist eine Pflanzenart aus der Familie der Fuchsschwanz-gewächse und ein Element der Salzpflanzenfluren; re.: …am Ende der Vegetationsperiode ist die Salzkonzentration tödlich: der Queller Salicornia, im Lebensmitteleinzelhandel auch Seespargel genannt, ist dann braun bis rot verfärbt und stirbt schließlich ab. Darunter lks.: Echter Strandflieder Limonium vulgare, auch Meerlavendel oder Widerstoss genannt, sind eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Bleiwurzgewächse Plumbaginaceae. Die 300 bis 350 Arten sind fast weltweit verbreitet; re.: Die Salz-Aster Aster tripolium gehört zu den sehr auffälligen Pflanzenarten auf Salzböden.

Größere Wasserpflanzen gibt es kaum, denn in der aufgewühlten See kann sich etwa Tang im Sand kaum halten, viele Arten der großen Braunalgen sind auf Steine angewiesen, an denen sie sich festsaugen können.

Spiraltang Fucus spiralis, auch Kleiner Blasentang (Gruppe der Braunalgen) ist eine zwittrige Alge, die s.g. Zoosporen bildet und oft eine Selbstbefruchtung durchführt. (F: N.P. SH-Wattenmeer).
Rotalge Florideophyceae (F: N.P. SH-Wattenmeer)

Wenn dann auch noch Horden von sonnenhungrigen Menschen vom Strand Besitz ergreifen, scheint nicht mehr viel Platz für andere Lebewesen zu bleiben.

Strandbad Stogi Plaża Stogi in Danzig Gdańsk (F: Ostseeküste/PL) 

Ist ein Strand aber vom Menschen weitgehend unentdeckt, kann es sein, dass seine Rolle ein anderes Säugetier einnimmt: Kegelrobben, Seehunde oder auch Seelöwen, je nachdem in welcher Region man sich befindet, sonnen sich mindestens ebenso gerne im warmen Sand wie wir.

Und Vögel wie der Strandläufer, die oft in Scharen auf dem Sand herumlaufen, deuten darauf hin, dass es im Sand durchaus etwas zu fressen geben muss. Typisch für Spülsaum und Salzwiesen im Wattenmeer sind der markante Austernfischer, der Säbelschnäbler und der Rotschenkel.

Einer Wüste vergleichbar: Wie eine Wüste an Land ist aber auch ein Sand-strand keineswegs ein totes Gebiet. Diese Tatsache fiel wohl erstmals dem deutschen Zologen Adolf Remane in den 1920er Jahren auf, als er die Strände der Kieler Bucht näher untersuchte. Zwischen den Sandkörnchen entdeckte er Arten, die sich im Laufe der Evolution mit den extremen Lebensbedingungen arrangiert haben und dann in sehr großer Zahl vorkommen können. Später stellte sich heraus, dass die Arten weltweit stets ungefähr die gleichen sind, egal ob es sich um einen Ost- oder einen Südseestrand handelt. Diese Organismen sehen ihre Chance in dem einzigen Element des Sandstrands, das ihnen Halt geben kann: den Sandkörnern. Ihrer Lebensweise entsprechend werden sie von Biologen Sandlückenfauna, im Fachbegriff Mesopsammon, genannt. Um sich aber zwischen die Körnchen quetschen zu können, mussten sie im Laufe ihrer Entwicklung an Körpergröße einbüßen: Muscheln und Schnecken, die im Sandstrand leben, sind quasi Schrumpfversionen ihrer Vettern an Felsenküsten.

Zu den Fotos lks.: Die Herzmuschel (gehört zu den Small Five des Watten-meeres), Ovale Trogmuschel und Amerikanische Scheidenmuschel Ensis directus (Neozoen); re.: Wattwurm Arenicola marina (F: Haufen), auch Pierwurm oder Prielwurm genannt, gehört zu einer Gruppe von festsitzenden und grabenden Linien innerhalb der Ringelwürmer, die als Sedentaria bezeichnet werden. Durch seine Lebensweise im Sand des Watts ist er ein wichtiger Bestandteil im Ökosystem des Wattenmeers im Osten des Atlantischen Ozeans.

..gestrandete Kompassqualle Chrysaora hysoscella – ♀ + ♂ zugleich und bestehen zu 99 % aus Wasser.Sie ist eine im Atlantik, im Mittelmeer, der Nordsee und im Kattegat vorkommende Schirmquallenart (F: N.P. SH-Wattenmeer).

Die meisten Organismen der Sandlückenfauna bekommt man nur zu Gesicht, wenn man den Sand unter ein Mikroskop steckt, denn sie sind weniger als einen Millimeter groß. Teils bestehen sie nur aus einer einzigen Zelle, wie etwa die urtümlichen Wimpertierchen. Etwas komplexer gebaut sind die Bärtierchen, die rätselhaften, da noch kaum erforschten Korsetttierchen sowie Meerwasser-würmer wie Kiefermündchen und bestimmte Nematodenarten. Zudem finden sich Arten aus der Klasse der Ruderfußkrebse im Sand – sie sind wichtigster Bestandteil des marinen Planktons und stellen die Nahrungsgrundlage vieler anderer Meeresbewohner dar.

„Ebbe-Diamanten“ (F: Kurische Nehrung / Куршская коса / District Kaliningrad/RUS)

Strandkrabben bspw. sind weder in ihren Fressgewohnheiten noch bzgl. ihres Lebensraums wählerisch. Zwar verstecken sie sich gerne zwischen Steinen, in Ermangelung derselben können sie sich aber auch einfach im Sand eingraben. Ansonsten frisst der Krebs alles, was er finden kann, außer Selbstgejagtem etwa auch tote Fische, angespülten Seetang oder sonstige „Abfälle“. Die gleiche Taktik verfolgt der Strandfloh, einer der wenigen mit dem bloßen Auge sichtbaren Tiere, die auf Sand als Lebensraum spezialisiert sind. Anders als ihr Name vermuten lässt, gehören sie nicht zu den Insekten, sondern zu den Krebstieren – können aber ähnlich gut springen wie „echte“ Flöhe. Ihre Tage verbringen die Tiere meist im Sand vergraben, um erst in der Dunkelheit auf Nahrungssuche zu gehen. Meist sind sie dann in großer Zahl unterwegs. Zuweilen sind sie aber auch tagsüber unterwegs – zum Leidwesen der menschlichen Konkurrenten um den Lebensraum Strand. Strandflöhe stechen źwar nicht, aber wer kann sich schon inmitten einer Horde umherhopsender Krebschen auf seine Strandlektüre konzentrieren?

Begehrter Rohstoff: Sandstrände sind weltweit auf dem Rückzug. Denn Sand ist ein begehrter Rohstoff, aus dem allen voran Beton und Glas, aber auch noch viele andere unserer Konsumgüter hergestellt werden. Nicht jeder Sand ist als Baustoff geeignet, Wüstensand etwa ist zu rund und feinkörnig. Daher wird Sand in großem Stile von Stränden abgepumpt – nicht selten geschieht das illegal. Jährlich werden rund 70 Mrd. $ mit Sand umgesetzt, Umwelt-organisationen sprechen mancherorts von einer „Sandmafia“. Insgesamt werden weltweit geschätzte 40 Mrd. t Sand abgebaut. Das ist weitaus mehr als Flüsse nachliefern können. Das Ergebnis ist eine komplette Veränderung der Küstenlinie, die teils mit Landverlust einhergeht. Um die Touristen nicht zu verlieren, wird in vielen Ländern vor der Urlaubssaison der Sandstrand aufge-schüttet, teils mit Sand, der aus dem Meer abgepumpt wird. Das aber hält nicht lange und kann das Gleichgewicht der Küsten noch mehr durcheinander bringen.

Quellen: SWP/WISSEN/Yasemin Gürtanyel 31.7.21; Wikipedia/KI; HF „Lebensraum Wattenmeer“)