Fische & Angeln

Wieder mehr Lachs im Rhein: Rückkehr von Lachs und Maifisch, auch Alse oder Alose Alosa alosa genannt, – die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins ‚IKSR‘ zieht zu ihrem 70. Geburtstag eine positive Bilanz. „Der Rhein ist von einem stark verschmutzten wieder zu einem sauberen Fluss geworden“, sagt Marc Daniel Heintz, der Leiter des IKSR-Sekretariats. Die Staaten im Rheineinzugsgebiet haben es in 70 J. geschafft, den Fluss wiederzubeleben.“ Anhaltende Verunreinigungen sowie klimawandelbedingte Hoch- und Niedrigwasser stellten aber weiterhin große Herausforderungen dar. 70 Jahre nach der Gründung der Kommission am Il.7.1950 seien Umwelt-und Naturschutz aktueller denn je. V.a. das Aufkommen der Umweltbewegung in den siebziger Jahren sowie die Entwicklung nach dem Großbrand im Schweizer Chemieunternehmen Sandoz bei Basel hätten Auftrieb gegeben. Im Nov. 1986 war hochgiftiges Löschwasser in den Rhein geflossen. Viele Fische starben. Anschließend wurden neue Kläranlagen wurden gebaut. Das verbesserte die Wasserqualität. Die Wiederansiedlung der Lachse sei zwar noch weit von einer stabilen Population entfernt, sagt Heintz. Aber jedes Jahr wanderten wieder Hunderte dieser Fische ins Rheineinzugsgebiet. Außer dem Stör seien alle einst verschwundenen Fischarten zurückgekehrt. Bis 2027 sollen weitere drei Stau-stufen im Oberrhein Fischpässe bekommen, damit Lachs & Co. wieder wie ganz früher auch in der Schweiz Laichgebiete finden könnten. Als großen Erfolg bezeichnete Heintz die Öffnung des niederländischen Haringvlietdamms im Rheinmündungsgebiet mit neuen Toren für Fische im Jahr 2018.

Atlantischer Lachs (© Tim Knepp / Wikipedia)

Wasser soll sauberer werden: Die Beseitigung von Hemmnissen für Wander-fische ist Teil des Programms „Rhein 2040″. Dazu gehört die Verringerung von Mikroverunreinigungen etwa mit Pflanzenschutzmitteln und Medikamenten um mindestens 30 % in den kommenden 20 J. Ein weiteres Ziel ist die Wieder-herstellung von Flussauen. Eine Expertengruppe wertet mit Satellitenbildern die Entwicklung der Biotope entlang des Rheins aus. „In den vergangenen 20 J. wurden ca. 140 km² verloren gegangene Überschwemmungsgebiete wieder-hergestellt; bis 2040 sollen weitere 200 km² reaktiviert werden“, erklärt die IKSR. Ein Dauerthema bleiben Überschwemmungen: „In den nächsten 20 J. soll das Hochwasserrisiko am Rhein trotz Bevölkerungswachstum und der damit verbundenen Siedlungsentwicklung um weitere 15 % gesenkt werden“, heißt es. IKSR-Präsidentin Veronica Manfredi betonte, natürliche Lebensräume hätten nicht nur eine hohe Artenvielfalt. „Sie sind auch widerstandsfähiger gegenüber negativen Einflüssen wie dem Klimawandel – und wirken positiv auf die menschliche Gesundheit.“ (SWP/MENSCH UND NATUR/Jens Albes 8.8.20)

Jungfische einsetzen bringt nichts: Anglervereine investieren oft Geld in Jung-fische, um die Bestände zu erhöhen. Doch eine neue Studie zeigt: Bessere Lebensräume wie Flachwasserzonen helfen den Fischen und anderen Arten in kleinen Seen deutlich mehr. „Das Einsetzen von Fischen ist nur in ganz bestimmten Fällen sinnvoll“, sagt Robert Arlinghaus vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei ‚IGB‘ und der Humboldt-Universität Berlin. Das Geld sei besser angelegt, wenn es in die Renaturierung fließe. Arlinghaus ist Leiter der im Fachjournal „Science“ vorgestellten Studie. Sein Team hatte sechs Jahre lang 20 Baggerseen in Niedersachsen untersucht. „Wir haben in einigen Seen Flachwasserzonen geschaffen, in anderen Totholz eingebracht und in anderen Fische ausgesetzt. Unmanipulierte Seen dienten als Kontrolle“, erläutert der Erstautor der Studie, Johannes Radinger. Ein gezielter Besatz mit fünf Arten habe nichts gebracht. Auch Totholz im Uferbereich habe nur in einzelnen Fällen Effekte erzielt. Am erfolgreichsten war es, Flachwasserzonen einzurichten.

Statt einzelene Arten wie den Barsch künstlich einzusetzen, sollte man Flüsse und Seen besser naturnah gestalten. (F: Izelberger See / Ostalb)

In Baggerseen fehlen diese ökologisch bedeutenden Lebensräume meist. Dort erwärmt sich im Frühling das Wasser schnell, Jungfische können gut aufwachsen und sind besser vor Räubern geschützt. „Es ist eigentlich etwas ganz Offensichtliches: Die Herstellung natürlicher Lebensräume ist wirksamer als an einzelnen Arten herumzudoktern“, erklärt Arlinghaus. Bei einem frisch ausgehobenen Baggersee ohne nennenswertes Fischvor kommen sei ein Besatz mit Jungfischen zwar meist sinnvoll und erfolgreich, sagt Arlinghaus. Bei bestimmten Fischarten wie Karpfen funktioniere das in der Regel auch gut – bei anderen wie dem Zander oft nicht, vor allem dann, wenn der Lebensraum nicht ideal ist.

Zander Sander lucioperca © Iduns kokbok / Wikipedia)

Fehlgeschlagen sei aber auch der Besatz mit Arten, die bereits in den Seen vorkamen und sich dort natürlich vermehrten, wie Hecht, Rotauge oderSchleie. „Wenn einem existierenden Fischbestand weitere Individuen hinzugefügt werden, steigt nur die Konkurrenz. Der Fischbestand reguliert sich wieder auf eine Menge zurück, die dem Gewässer angepasst ist.“

,Den Fokus auf einzelne Arten haben wir nicht nur im Fischereimanagement, sondern er ist generell im Naturschutz weit verbreitet“, erläutert der Mitautor Christian Wolter vom IGB. „Wir zeigen, dass es mehr hilft, den gesamten Lebensraum in den Blick zu nehmen“, ergänzt Radinger. Das helfe der gesamten Lebensgemeinschaft. Bei den mit Flachwasserzone n natürlicher gestalteten Baggerseen zum Beispiel hätten auch Wasserpflanzen und Libellen profitiert. Das scheint logisch, umgesetzt wird es dennoch zu selten. Der geplante Ausbau der Oder etwa laufe in die entgegengesetzte Richtung. Statt Renaturierung bedeute er aus ökologischer Sicht nach dem Fischsterben von 2022 eine weitere Verschlechterung. (SWP/Aus der Wissenschaft/dpa 18.3.23)

Heikles Anglerritual: Fangfotos von imposanten Fischen im Internet haben eine Kehrseite. Die „Catch and Release“-Praxis ist umstritten und beschäftigt bereits Gerichte. Die Meldungen häufen sich: In Gewässern werden rekord-verdächtig große Fische gefangen. Anfang August meldeten etwa Mitglieder des Angelsportvereins Langenargen am Bodensee den Fang eines 85-Kilo-Wels‘ mit einer Länge von 2,43 m. Der Wels wurde getötet, gemessen und gewogen, das Fleisch zu Filets verarbeitet und unter den Angelsportfreunden aufgeteilt. Das Exemplar war so groß, dass die Angler den Stolz über den Fang teilen wollten – ist das harmlose Prahlerei oder schon gesetzeswidriges Vorgehen?

Fische dürfen mit dem Ziel des Fischfleischverzehrs geangelt werden, so die Gesetzeslage – die Langenarger Sportangler handelten also legal. Zunehmend zum Problem gerät aber die auch unter Anglern umstrittene Methode „Catch and Release“ (zu Deutsch: Fangen und Freilassen). Der Angler zieht dabei einen (imposanten) Fisch aus dem Wasser, hakt ihn ab, misst und wiegt ihn und lässt sich von einem Begleiter fotografieren. Dann wird das Tier wieder zurück-gesetzt. Meist posten die Hobbyangler Video oder Foto im Internet.

(F: Ounasjoki/Lappland/FIN)

Laut der Tierschutzorganisation Peta ist Catch and Release die Jagd auf Fische mit dem Vorsatz, sie „in eine Falle zu locken“. Sie würden als Spielzeug oder Trophäe angese-´hen, schreibt Peta-Sprecherin Tanja Breining. Nach dem „Aufspießen, Wiegen, Messen und Posieren vor der Kamera“ gehe es mit ihnen wieder zurück ins Wasser. Tatsächlich gibt es viele Videos in den sozialen Netzwerken, die dies dokumentieren. Peta betont, dass die vermeintlich tierfreundliche Praxis des „Freilassens“ nicht dem Tierwohl entspreche: Das Herausnehmen des Fisches setze diesen einem enormen Stress aus. Wenn er nach Abhaken, Messen und Fotografieren wieder ins Wasser gelassen werde, sei er unter Umständen verletzt und leichte Beute für Fressfeinde. Dem stimmt der Landesfischereiverband BW ‚LFVBW‘ zu: „Manche Angler kennen ihre Karpfen sogar mit Namen“, sagt Ingo Kramer, Fischereibiologe und Geschäftsführer beim LFVBW. Einige hätten eine Abhakmatte und lösten den Haken mit einem Spezialwerkzeug. „Auch wenn alles sachgerecht geschieht, stellt es einen Verstoß gegen das Fischereirecht dar. Man darf einen Fisch für den eigenen Verzehr angeln, nicht aber zum Spaß“, bestätigt Kramer. Es liege zwar im Ermessen des Anglers, einen Fisch auch mal ins Wasser zurückzusetzen, etwa, weil er zu klein sei. Daraus ein Ritual zu machen, sei jedoch gesetzeswidrig. Es gibt auch Prozesse zu diesem Vorgehen. Im Februar 2023 stand ein Angler vor dem Amtsgericht der Bodensee-Stadt Lindau, weil er einen Hecht gefangen, fotografiert und ins Wasser gelassen hatte. Es seien drei Minuten vergangen, bis der Fisch wieder frei gewesen sei, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Das Verfahren wurde allerdings eingestellt, weil ein Nachweis über die Dauer des Festhaltens nicht gelang. Der Angler musste laut einem Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ 1.000 € ans Lindauer Tierheim zahlen. Verhinderbar seien Fälle von Catch and Release kaum, sagt Kramer vom LFVBW. Der Verband versuche, seine Mitgliedsvereine über die tierschutzwidrige Praxis aufzuklären. Einen Rekordfang zu veröffentlichen, sei eine uralte Praxis: „Ein Angler, der einen riesigen Fisch fängt, ist stolz wie Bolle und wird dies auch mitteilen“, so der Experte. Dass die Meldungen über geangelte Riesen-Welse sich häufen, hat einen anderen Grund: Der Wels ist als wärmeresistenter Fisch ein Profiteur des Klimawandels, daher gibt es immer mehr große Exemplare. (SWP/SÜDWESTUMSCHAU/Claudia Wagner, dpa 3.9.25). Schonzeiten und Mindestmaße: Nicht Jeder Fisch, der an der Angel hängt, darf auch verspeist werden. Um die Fortpflanzung nicht zu gefährden, sind für viele Fischarten Schonzeiten festgelegt. Sie dürfen dann nicht entnommen werden, sondern müssen bei einem Fang schonend wieder ins Gewässer zurückgesetzt werden. Auch Mindestmaße müssen Angler beachten. So muss etwa ein Hecht von der Kopfspitze bis zum Ende der Schwanzflosse mindestens 50 cm lang sein. Geregelt ist dies in der Landesfischereiverordnung. (SWP 3.9.25)

Zunehmend Fälle von Fischwilderei: Schwarzaneln: – Zertrampelte Ufer, genervte Vereine und kaum Strafen: Unerlaubtes Angeln wird zum Reizthema. Für die Übeltäter hat es fast nie Konsequenzen. Angel auswerfen und war-ten, bis was anbeißt. Eigentlich ein harmloses Vergnügen. Aber es braucht viel Sachkenntnis und v.a. auch einen Fischerei- oder Angelschein. Das sehen manche aber nicht so eng und angeln einfach trotzdem – sehr zum Leidwesen von Naturschützern und legitimen Anglern. Den Fachbeauftragten für Fische beim NABU BW, Hilmar Grzesiak, macht Fischwilderei schon ein wenig sauer. _Wir haben eisenharte Schwarzangler. die das unbeeindruckt einfach machen.“ Hinzu komme, dass es manchen Menschen aus anderen Ländern nicht klar sei, dass es in Deutschland dafür strenge Regeln gebe und in deren Herkunftsländern das Angeln auch sehr viel verbreiteter sei.

Anglerplatz wie eine Müllkippe: Überhaupt gingen Fischwilderer immer rabiater und skrupelloser vor, sagt der Landesfischereiverband. Fischwilderei hat im Südwesten deutlich zugenommen“, sagt Verbands-Vizepräsident Thomas Lang. Die Übeltäter stammten demnach aus allen Bevölkerungsschichten. Lang und Grzesiak nerven dabei v.a. auch die „Sekundärschäden“. Zertrampelte Ufer, abgeknicktes Schilf und auch die Tatsache, dass man nicht wisse, wie es wirklich um den Bestand von Fischen bestellt sei, wenn Personen unbemerkt Fische entnehmen. Manch ein Anglerplatz sehe aus wie eine Müllkippe, leere Bierflaschen und Zigarettenkippen seien typische Hinterlassenschaften von Fischwilderern.

Dabei ist Angeln ohne Angelschein grundsätzlich verboten, es drohen empfindliche Strafen von bis zu 5.000 €. Theoretisch. Aber: „Diese Verfahren werden häufig – soweit uns bekannt – eingestellt, mit der Begründung, ein öffentliches Interesse an Strafverfolgung sei nicht gegeben“, erklärte ein Ministeriumssprecher. Wie oft kontrolliert wird, könne das zuständige Polizeipräsidium nicht sagen. Als Verein könne man nur begrenzt eingreifen, sagt der Anglerverein Leingarten. „Aus Sicherheitsgründen raten wir unseren Mitgliedern und Bürgern ausdrücklich davon ab, Schwarzangler selbst anzusprechen“, sagt Vereinsmitglied Anika Brandstätter. Stattdessen solle unverzüglich die Polizei informiert werden. Dazu rät auch Hilmar Grzesiak: Es brauche schon Mut, einen vermeintlichen Schwarzangler an einer einsamen Flussstelle zu stellen. Dass das Schwarzangeln so nachlässig verfolgt wird, stößt vielen Angelvereinen sauer auf. „Es macht auch keinen Spaß mehr, wenn sie Schwarz-angler anzeigen und das verfahren wird eingestellt“, kritisiert Joachim Mayer, Vize-Präsident des Anglervereins Karlsruhe. „Sie können sich nicht vorstellen, wie das nervt.“ Man habe vor einiger Zeit sogar Angler erwischt, die verbotenerweise mit Netzen fischten. „Wir sind bis zum Landwirtschafts-ministerium gegangen und haben uns beschwert“, sagt Meyer. Ohne Erfolg, Konsequenzen habe das Verhalten der Schwarzangler nicht gehabt. Wenn es nicht richtig bestraft wird, erodiert das Unrechtsbewusstsein“, sagt auch NABU-Fischexperte Grzesiak. Unerfahrene Angler wüssten nicht, wie man Fische fachgerecht tötet, was zusätzliches Leid verursache, erklärt Meyer weiter. Inzwischen empfehlen er und auch Lang vom Landesfischereiverband, nicht wegen Schwarzangelns, sondern wegen Tierquälerei Anzeige zu erstatten, denn das werde in der Praxis viel strenger verfolgt. Weil strafrechtliche Konsequenzen selten sind, setzen Vereine zur Abschreckung auf eigene Kontrollen. Man investiere jährlich mehrere tausend Euro in Organisation, Ausbildung und Einsatz eines Kontrollteams, berichtet Hans-Hermann Schock, Vorstand des Württembergischen Anglervereins. Seit Einführung eines neuen Kontrollsystems vor einigen Jahren sei die Zahl potenzieller Schwarzangler und anderer Verstöße an den Gewässern deutlich zurückgegangen.

Auch beim Anglerverein Karlsruhe, einem der größten im Südwesten mit rund 6.000 Mitgliedern, sind rund 20 Kontrolleure damit beauftragt, Kontrollen an den Gewässern durchzuführen. „Ich habe noch nie erlebt, dass irgendjemand, der erwischt wurde, was zahlen musste“, sagt jedoch Meyer. (SWP/SÜDWESTUMSCHAU/Anika von Greve-Dierford, dpa 3.12.25)

Im Neckar machen sich Fische rar: Nur noch ein Viertel der heimischen Arten gilt als ungefährdet. Hans-Hermann Schock vom Württembergischen Anglerverein plädiert für radikale Maßnahmen in dem Fluss in Stuttgart. Für seine manchmal drastische Wortwahl ist der Vorsitzende des Württem-bergischen Anglervereins, Hans-Hermann Schock, bekannt. Aber seine große Erfahrung ist unbestritten – seit 51 Jahren ist er Mitglied und seit 28 Jahren leitet er diesen Verein, der den gesamten Stuttgarter Neckar unter seiner Obhut hat. Und Schock sagt: »Wenn die Fische schreien könnten, würde sich vielleicht etwas ändern.“ So aber interessiere sich kaum jemand für das Leid der Tiere, dabei ereigne sich auch im Stuttgarter Neckar ein schleichendes Artensterben. Das bestätigen Studien und Zählungen des renommierten Tettnanger Fischbiologen Ralf Haberbosch. Er kam schon vor mehr als einem Jz. zu dem Resümee, dass zwischen 1990 und 2010 rund 70 % weniger Fische geangelt worden seien. „Seither ist die Situation eher noch schlechter geworden“, sagt er. Bei Haberboschs Befischungen hat sich herausgestellt, dass im Mittleren Neckar von 38 möglichen Arten zwar 27 nachgewiesen werden konnten, aber nur bei 14 sei der Fortbestand der Art sichergestellt. Nur zwei Arten – Ukelei und Bitterling – kommen offenbar noch flächendeckend vor.

Hecht (F: Großschutzgebiet Niederspreer Teiche/SN)

Neckar gilt als „degradiert“: Nach der neuen Roten Liste für Fische sieht es im Neckar sogar etwas schlechter aus als im Landesdurchschnitt. Insgesamt gelten in BW nur 15 von 54 Arten noch als ungefährdet. Im Neckar stehen zudem Flussbarsch, Hasel und Hecht, die anderswo noch zu diesen 15 häufigen Arten gehören, bereits auf der Vorwarnliste. Diese dramatische Entwicklung hat viele Ursachen: Der Neckar rund um Stuttgart ist mit seinen vielen Staustufen, Wasserkraftwerken und Uferbefestigungen zu einem Kanal geworden, oder, wie Schock es formuliert: „Aus einem Fließgewässer wurde eine Seenplatte.“ Es fehlen Kiesflächen und Wasserpflanzen als Laichplätze; die Fische können nur schwer wandern, und strömungsliebende Arten haben im Neckar kaum eine Chance. Auch Haberbosch sieht dies als den schwerwiegendsten Mangel an. Daneben ist die Verschmutzung des Wassers durch Pestizide, Fäkalien und Spurenstoffe weiter ein großes Problem, auch wenn die krassen Belastungen mit vielen Fischsterben der 1960er bis 1980er Jahre der Vergangenheit angehö-ren. Da hat der Ausbau der Kläranlagen viel bewirkt. Weiter verdrängen invasive Arten wie die Schwarzmundgrundel immer stärker heimische Fische. Es wird geschätzt, dass heute weit mehr als die Hälfte aller Individuen im Neckar gebietsfremd sind. Relativ eindeutig trägt auch die wachsende Population des Kormorans und des Graureihers, s.g. Fischreiher, zum Rückgang der Fischmengen bei.

Haberbosch hat herausgefunden, dass es kaum noch Fische mittlerer Größe gibt: „Eine derart gestörte Altersstruktur ist ein deutlicher Hinweis auf einen starken Fraßdruck durch Kormorane.“ Im Winter würden die mindestens 10.000 Vögel im Südwesten täglich rund fünf Tonnen Fisch vertilgen: „Das geht an die Substanz.“ Ein weiteres Problem sind Wasserkraftwerke und auch die Kühlwasserentnahmen anderer Kraftwerke. Frank Hartmann vom Regierungspräsidium Karlsruhe ist Experte in diesem Bereich und bestätigt, dass dort jährlich Abertausende Fische umkommen. Sehr viele werden entweder vom Sog des Wassers an den Eingangsrost gedrückt und sterben dort vor Erschöpfung, oder sie werden in den Turbinen zerquetscht. Am schiffbaren Teil des Neckars mit seinen 26 Wasserkraftwerken sei es schwierig, eine fischfreundliche Technik zu verbauen, die funktioniere und trotzdem wirtschaftlich verhältnismäßig sei, so Hartmann. Aber die Betreiber seien offen, alle wollten vorankommen. Nicht zuletzt macht sich für die Fische der Klimawandel bemerkbar. In Hitzephasen steigen die Wassertemperaturen. Seen kippen um wie im Jahr 2019 der Max-Eyth-See.

Wasserkraftwerke als Fallen: Gerade am Neckar sei es sehr schwierig, Verbesserungen zu er-zielen, betont auch Felix Hertenberger, der Referent für Fischerei am Regierungspräsidium Stuttgart, da es sich eben um eine Schiff-fahrtsstraße handle. Bspw. könne man nicht einfach ein Uferstück renaturieren, da die Flussränder gesichert bleiben müssten. An kleinen Stellen, etwa in Mühlhausen, habe man es geschafft, Jungfischlebensräume zu schaffen. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie schreibt zwar vor, dass bis zum Jahr 2027 alle Flüsse in einen guten ökologischen Zustand zu versetzen sind. Aber am Neckar gelten wegen der Schifffahrt niedrigere Ziele. Der Bund peile derzeit eher das Jahr 2055 bis zur Erfüllung an. Haberbosch plädiert indessen dafür, vorerst zumindest die Altarme des Neckars deutlich aufzuwerten. Schock würde noch viel weiter gehen und plädiert für radikale Maßnahmen. Man müsste alle Wasserkraftwerke schließen und die Wehre öffnen, meint er, dann könnten die Fische frei wandern, und die Turbinen wären keine Gefahr mehr. Der gewonnene Strom aus den kleineren Wasserkraftwerken sei sowieso zu vernachlässigen. Daneben hält er auch die Schifffahrt auf dem Neckar für überflüssig. Allerdings: dass es in absehbarer Zeit so weit kommen wird, ist quasi ausgeschlossen. Es sei denn, die Fische fingen doch noch an zu schreien. (SWP/STUTTGART UND UMGEBUNG/Thomas Faltin 9..6.26).

Siehe auch LNV-Merkblatt „Petri Heil“!