Viele Pflanzen und Tiere sind vom Aussterben bedroht. Auf einer Konferenz des Bundesumweltministeriums sollen internationale Lösungsansätze erarbeitet werden.

SHUTTERSTOCK.COM (aus SWP 17.6.21).
Der Verlust an biologischer Vielfalt, das Aussterben von Tieren und Pflanzen ist neben der Klimaveränderung das zweite große Problem, das die Menschheit lösen muss. Denn der Artenschwund hat Folgen für die Wirtschaft, die Ernährung und die Gesundheit. Im Oktober will eine Weltkonferenz im chinesischen Kunming über die Zukunft des Artenschutzes beraten. Wie akut ist das Problem des Artenschwundes? Es ist eines der größten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Probleme, dem sich die Menschheit stellen muss. WWF geht vom größten Artenverlust seit der Dinosaurierzeit aus. Dem NABU zufolge verschwinden pro Tag 150 Tier- & Pflanzenarten. Das Aussterben vollziehe sich 1000-mal schneller als das Entstehen neuer Arten. Worum geht es bei der Oktober-Konferenz in China? Die 15. Vertragsstaatenkonferenz des „Übereinkommens über die Biologische Vielfalt“ soll den „neuen globalen Rahmen für die biologische Vielfalt für die Zeit nach 2020″ beschließen (wegen der Corona-Pandemie wurde die Konferenz mehrfach verschoben). Nach Einschätzung von Naturschutzverbänden wurden die meisten Ziele der vorangegangenen Strategie eindeutig verfehlt. Der Nabu fordert u.a., „die Ursachen für den Artenverlust anzugehen, wie bspw. intensive Landwirtschaft, Entwaldung oder umweltschädliche Subventionen“. Welche anderen Internat. Aktivitäten gibt es? Auch auf der groBen Bühne der internationalen Gipfel-politik ist der Artenschutz inzwischen angekommen. So beschlossen die G7-Staaten bei ihrem jüngsten Gipfel etwa, bis 2030 mindestens 30 % der Land- und Meeresflächen der Erde unter Schutz zu stellen. Momentan sind 15 % der Landflächen und 8 % des Ozeans geschützt – nach Ansicht vieler Experten viel zu wenig. Seit Längerem setzt sich deswegen eine „Koalition der Willigen“ unter Führung Frankreichs und Costa Ricas für dieses Ziel ein; seit Beginn des Jahres hat sich auch Deutschland der Koalition angeschlossen. Mit dem G7-Beschluss im Rücken hoffen sie, dem 30-30-Ziel in Kunming zum Durchbruch zu verhelfen. In einer Entschließung des EU-Parlaments wurde festgelegt, dass in der EU sowohl 30 % der Land- als auch 30 % der Wasserflächen unter speziellen Schutz gestellt werden. Bis zum kommenden Jahr verlangen die europäischen Parlamentarier von der EU-Kommission Vorschläge für ein Biodiversitäts-gesetz. Eine Mehrheit will außerdem das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat (gilt als mitverantwortlich für das Insektensterben) nach dem 31.12.22 nicht mehr zulassen.
Das Bundesentwicklungsministerium hat ein neues Projekt angeschoben, um bedrohte Ökosysteme in Entwicklungsländern langfristig zu schützen. Worum geht es? Um den „Weltnaturerbe-Fonds“. Der Fonds ist ein internat. Projekt, an dem sich Deutschland, Frankreich, private Stiftungen und internationale Naturschutzorganisationen beteiligen – und das zudem von der EU-Kommission, der Unesco und der Weltnaturschutzunion IUCN unterstützt wird. Um das Projekt ins Laufen zubringen, hat Deutschland bereits 100 Mio. US-Dollar (rd. 82,5 Mio. €) bereitgestellt. ’21 soll dieser Betrag erhöht werden. Der Fonds wäre die weltweit größte Naturschutzstiftung. Insgesamt stellt Deutschland mehr als 500 Mio. € jährlich für den Erhalt der Biodiversität in Entwicklungsländern zur Verfügung. In diesem Jahr sind es sogar 600 Mio. Unterstützt werden 668 Schutzgebiete mit einer Gesamtfläche von 2 Mio. Quadratkilometern – das entspricht etwa der Fläche Indonesiens. Was sagen Naturschützer zu den Vorhaben? „Biologische Vielfalt werden wir nicht nur über Schutzgebiete retten. Sonst müssten die Schutzgebiete 50 % des Planeten umfassen“, sagt Magnus Wessel, BUND-Experte für Naturschutzpolitik dieser Zeitung. Dass dies politisch umsetzbar sei, bezweifele er. Um die biolog. Vielfalt weltweit zu erhalten, brauche es deshalb auch ein Umdenken in den Industrie-staaten. „Wir müssten bspw. auf Futtermittel- und auf Energieimporte verzichten, die uns zwar gut versorgen, aber woanders die biologische Vielfalt schädigen.“ (Auszug A. Bochow, C. Kling, I. Steinle „Das Verschwinden der Arten“ SWP 17.6.23)